Deutsche Werkzeugmaschinenproduktion bleibt 2019 auf Rekordniveau

Dr. Heinz-Jürgen Prokop
Dr. Heinz-Jür­gen Prokop

Für 2019 erwartet die deutsche Werkzeug­maschi­nenin­dus­trie aus­ge­hend von Reko­rd­niveau einen weit­eren Pro­duk­tion­szuwachs von 2 Prozent auf 17,4 Mrd. Euro“, erk­lärte Dr. Heinz-Jür­gen Prokop, Vor­sitzen­der des VDW (Vere­in Deutsch­er Werkzeug­maschi­nen­fab­riken), in Frank­furt auf der Jahre­spressekon­ferenz des Ver­bands am 18. Feb­ru­ar 2019. Die Pro­duk­tion kann 2019 noch vom guten Vor­jahresver­lauf prof­i­tieren. Das beste­hende Auf­tragsvol­u­men wird erst phasen­ver­set­zt im laufend­en Jahr real­isiert, so Prokop weit­er.

Zudem erwartet das britis­che Wirtschafts­forschungsin­sti­tut Oxford Eco­nom­ics, Prog­nosep­a­rt­ner des VDW, für die Investi­tio­nen der wichtig­sten Abnehmer­branchen in Deutsch­land einen Anstieg von 4 Prozent und ein Plus von 3 Prozent beim Werkzeug­maschi­nen­ver­brauch. „Bei­de Indika­toren sind rel­e­vant für die Branch­enen­twick­lung und leg­en ordentlich zu“, betont Prokop. Hinzu komme eine hohe Kapaz­ität­saus­las­tung auch bei den Kun­den und der Trend zu mehr Ver­net­zung und Automa­tisierung, der weit­ere Investi­tio­nen erfordert.

Den Pos­i­tiv­fak­toren ste­ht das Abflauen der Bestel­lun­gen gegenüber. Sie drehen nach einem Zuwachs von mod­er­at­en 1 Prozent im ver­gan­genen Jahr 2019 mit 2 Prozent­punk­ten Abschlag leicht ins Minus. Dabei ver­liert nach starkem Wach­s­tum vor allem das Inland mit minus 3 Prozent.

Die Aus­lands­bestel­lun­gen hinge­gen sollen 2019 ihr Niveau hal­ten. Klar­er Wach­s­tum­streiber bleibt Ameri­ka. Die US-Nach­frage lief nach ein­er VDW-eige­nen Umfrage über die ersten drei Quar­tale 2018 bere­its zweis­tel­lig nach oben, befeuert durch Aus­gaben­pro­gramme, Steuersenkun­gen und verbesserte Abschrei­bungsmöglichkeit­en in den USA. Auch Kana­da und Mexiko lagen im Plus. Für das laufende Jahr ist ein weit­er­er US-getrieben­er Zuwachs um 4 Prozent avisiert.

Asien bleibt eben­falls pos­i­tiv. Die Bestel­lun­gen aus Chi­na, Süd­ko­rea und Tai­wan waren zwar rück­läu­fig. Aktiv­posten sind jedoch Japan und die Asean-Region. Europa hinge­gen dreht 2019 nach kraftvoller Nach­frageausweitung über die ver­gan­genen drei Jahre nun­mehr mit 2 Prozent leicht ins Minus. Bis 2018 hat­ten sich ins­beson­dere die Euro-Län­der noch als Fels in der Bran­dung mit 9 Prozent Plus erwiesen. Zudem ver­lagern sich die Antrieb­skräfte von Süd- nach Osteu­ropa, wo die Auto­mo­bilin­dus­trie wieder stärk­er investiert. Das fördert auch das Pro­jek­t­geschäft.

Chi­na und die USA bleiben mit großem Abstand die Top­märk­te

Der Export macht rund 70 Prozent des Werkzeug­maschi­nengeschäfts aus. Er ist 2018 um 3 Prozent gestiegen. Chi­na bleibt trotz wirtschaftlich­er Beruhi­gung mit großem Abstand der wichtig­ste Markt für die deutschen Her­steller. Mit einem Zuwachs von 5 Prozent in den ersten elf Monat­en 2018 nimmt das Land 22 Prozent der deutschen Aus­fuhren ab, gefol­gt von den USA mit rund 13 Prozent Anteil und einem Zuwachs von 7 Prozent. Mit großem Abstand, 6 Prozent Anteil, posi­tion­iert sich Ital­ien auf Rang 3. Die Exporte Rich­tung Ital­ien sind um 21 Prozent kräftig nach oben geschossen, gestützt durch Abschrei­bungsvergün­s­ti­gun­gen der ital­ienis­chen Regierung. Über­raschend hat sich Polen auf Rang 4 posi­tion­iert mit einem Zuwachs von 9 Prozent induziert durch Aufträge aus dem Auto­mo­bilzuliefer­bere­ich. Unter den Top 15 sind außer­dem die Schweiz und Spanien mit zweis­tel­ligem Wach­s­tum her­vorzuheben. Weniger gut lief es in Frankre­ich, Öster­re­ich und Indi­en.

Erwartungs­gemäß gin­gen auch die Exporte nach Großbri­tan­nien um sat­te 15 Prozent zurück. Das Vere­inigte Kön­i­gre­ich nimmt damit nur noch 2,5 Prozent der deutschen Liefer­un­gen ab. „Wir gehen jedoch davon aus, dass Großbri­tan­nien auch kün­ftig deutsche Werkzeug­maschi­nen kaufen muss, wenn die Indus­trie wet­tbe­werb­s­fähig bleiben will. Deutsch­land ist der größte Liefer­ant, und es sind nur noch wenige britis­che Her­steller am Markt“, ist Prokop überzeugt.

Die gute Wirtschaft­slage der deutschen Werkzeug­maschi­nenin­dus­trie spiegelt sich auch in der Beschäf­ti­gung wider. Ende 2018 arbeit­eten 75.000 Mitar­beit­er und Mitar­bei­t­erin­nen in der Branche. Das waren reich­lich 4 Prozent mehr als bin­nen Jahres­frist.

Mit strate­gis­chen Weichen­stel­lun­gen neue Felder erobern

Nach dem stür­mis­chen Wach­s­tum der ver­gan­genen Jahre bietet die kon­junk­turelle Beruhi­gung den Unternehmen nun­mehr Chan­cen, strate­gis­che Weichen für die kom­menden Monate zu stellen. Her­aus­forderun­gen gibt es genug“, sagt Prokop. Die deutschen Her­steller bauen dabei auf ihrer inter­na­tionalen Führungspo­si­tion auf: Welt­meis­ter im Export, Vizewelt­meis­ter in der Pro­duk­tion, jew­eils Bronze bei Ver­brauch und Import. Diese Posi­tion gilt es zu hal­ten und auszubauen.

Beispiel Ver­net­zung in der Pro­duk­tion: Mit der Entwick­lung der stan­dar­d­isierten Schnittstelle umati (uni­ver­sal machine tool inter­face) hat die Werkzeug­maschi­nenin­dus­trie die Ini­tia­tive ergrif­f­en, um die Ver­net­zung in der Pro­duk­tion voranzutreiben. umati erlaubt den Date­naus­tausch von Maschi­nen aller Fab­rikate mit über­ge­ord­neten IT-Sys­te­men, um sie analysieren und auswerten zu kön­nen. Der Vorteil: Offene Schnittstellen und ein­heitliche Spez­i­fika­tio­nen, über die Maschi­nen beliebig in beste­hende Infra­struk­turen und Ökosys­teme einge­fügt wer­den kön­nen, verkürzen die Entwick­lungszeit, beschle­u­ni­gen die Inbe­trieb­nahme, machen die Kun­den unab­hängig und erlauben dem Anbi­eter, neue Geschäftsmod­elle auf der Basis von Date­n­analy­sen zu entwick­eln. Zur EMO Han­nover 2019 im Sep­tem­ber ist eine umfan­gre­iche Demoin­stal­la­tion mit inter­na­tionaler Beteili­gung geplant.

Beispiel Mobil­ität: Große Her­aus­forderun­gen gibt es auch beim größten Abnehmer Auto­mo­bilin­dus­trie. Sie arbeit­et mit Hochdruck an der Ein­führung zahlre­ich­er neuer Mod­elle mit Elek­troantrieb. Eine sehr tiefge­hende Unter­suchung zur voraus­sichtlichen Ver­bre­itung der Elek­tro­mo­bil­ität, die der Ver­band 2018 vorgelegt hat, ergab jedoch, dass der Anteil rein elek­tro­getrieben­er Per­so­n­enkraft­fahrzeuge in ver­schiede­nen Wel­tre­gio­nen bis 2030 im Schnitt etwa bei einem Fün­f­tel und der Anteil hybrid­be­trieben­er Fahrzeuge bei fast 60 Prozent der Neuzu­las­sun­gen liegt. Das stellt sich in Flächen­staat­en mit unzure­ichend aus­baufähiger Infra­struk­tur abseits großstädtis­ch­er Zen­tren wie beispiel­sweise in den USA anders dar, als in Metropolen oder dicht besiedel­ten Län­dern wie etwa Deutsch­land. Diese Studie wird derzeit aktu­al­isiert und die dama­lige Prog­nose über­prüft.

Im Umkehrschluss heißt das, es wird noch lange Ver­bren­nungsmo­toren in unter­schiedlichen Kom­bi­na­tio­nen geben müssen. Um den­noch die von der EU vorgegebene Reduzierung der CO2-Emis­sio­nen bis 2030 zu erre­ichen, fordert die Werkzeug­maschi­nenin­dus­trie von allen Beteiligten, tech­nolo­gien­eu­tral alle inno­v­a­tiv­en Ansätze zur Einsparung von CO2 weit­er zu entwick­eln und das gesamte Port­fo­lio an möglichen Lösun­gen im Blick zu behal­ten. Dazu gehören neben der Opti­mierung des Ver­bren­nungsmo­tors, der noch viel Poten­zial bietet, ins­beson­dere Hybri­dantriebe, syn­thetis­che Kraft­stoffe und Pow­er-to-X-Tech­nolo­gien. Für vieles ist die notwendi­ge Fer­ti­gung­stech­nik bere­its vorhan­den. Verbesserun­gen kön­nen dem­nach schnell wirk­sam wer­den, so Prokop.

Schützen­hil­fe bekommt die Branche aus der Wis­senschaft. In zehn Kern­the­sen heben Wis­senschaftler aus Öster­re­ich, der Schweiz und Deutsch­land, die in der Wis­senschaftlichen Gesellschaft für Kraft­fahrzeug- und Motortech­nik e.V. (WKM) zusam­mengeschlossen sind, das Poten­zial syn­thetis­ch­er Kraft­stoffe für die Reduk­tion von CO2-Emis­sio­nen her­vor – und zwar für Bestands- eben­so wie für Neu­fahrzeuge. Für schwere Fahrzeuge wie Schiffe oder Flugzeuge hal­ten die Wis­senschaftler syn­thetis­che Kraft­stoffe gar für alter­na­tiv­los. Eine Anerken­nung syn­thetis­ch­er Kraft­stoffe wäre ein bedeu­ten­der Hebel, um den Kli­maschutz voranzutreiben und die Inno­va­tion­skraft Europas zu stärken, so die Wis­senschaftler.

Beispiel kün­stliche Intel­li­genz: Neue Chan­cen für die Pro­duk­tion­stech­nik tun sich auch im Ein­satz kün­stlich­er Intel­li­genz (KI) auf. Eine Unter­suchung des Bun­desmin­is­teri­ums für Wirtschaft und Energie prog­nos­tiziert für das pro­duzierende Gewerbe ein KI-induziertes zusät­zlich­es Wach­s­tum von knapp 32 Mrd. Euro in den kom­menden vier Jahren. Das entspricht in etwa einem Drit­tel des Gesamtwach­s­tums in diesem Bere­ich.

In der Werkzeug­maschi­nenin­dus­trie wird KI noch nicht flächen­deck­end einge­set­zt. Jedoch gibt es erste Einze­lan­wen­dun­gen. Beispiel­sweise wird am selb­stler­nen­den Laser gear­beit­et oder an der Anwen­dung neuer sta­tis­tis­ch­er Meth­o­d­en aus der Astronomie in der Mon­tage eines Auto­mo­bil­her­stellers. Daraus ergeben sich laut Unternehmen­sangaben auch bre­ite Anwen­dungsmöglichkeit­en in der Met­all­bear­beitung. Wis­senschaftler forschen unter anderem im Bere­ich Maschi­nenop­ti­mierung in der Zerspanung. „Sin­nvoll wäre der Ein­satz von KI unter anderem auch in der Pro­duk­tion­s­pla­nung und -steuerung sowie in der Robotik“, ergänzt Heinz-Jür­gen Prokop.

Die Wis­senschaftliche Gesellschaft für Pro­duk­tion­stech­nik WGP, enger Part­ner des VDW, hat ein Stand­punk­t­pa­pi­er angekündigt, in dem ein sys­tem­a­tis­ch­er Ansatz für die Ein­führung von KI vorgestellt wer­den soll. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Werkzeug­maschi­nenin­dus­trie nach der Dig­i­tal­isierung und Ver­net­zung den näch­sten Schritt tut, sagt Heinz-Jür­gen Prokop abschließend.

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