Künstliche Intelligenz ist der nächste Schritt

In der VDW-Jahre­spressekon­ferenz Mitte Feb­ru­ar 2019 sprach VDW-Vor­sitzen­der Dr. Heinz-Jür­gen Prokop u.a. auch über die Bedeu­tung der Kün­stlichen Intel­li­genz für die Werkzeug­maschi­nenin­dus­trie. Wörtlich hieß es: „Neue Chan­cen für die Pro­duk­tion­stech­nik tun sich auch im Ein­satz kün­stlich­er Intel­li­genz (KI) auf. Bish­er wird KI in der Werkzeug­maschi­nenin­dus­trie noch nicht flächen­deck­end einge­set­zt. Jedoch gibt es erste Einze­lan­wen­dun­gen. Die Wis­senschaftliche Gesellschaft für Pro­duk­tion­stech­nik WGP, enger Part­ner des VDW, hat einen sys­tem­a­tis­chen Ansatz für die Ein­führung von KI angekündigt.“ Zu den Chan­cen und Hin­dernissen für die Ein­führung von KI hat der VDW-Branchen­re­port ein Inter­view mit Daniela Kluck­ert, Mit­glied der Enquete-Kom­mis­sion Kün­stliche Intel­li­genz des Deutschen Bun­destages, geführt.

Daniela Kluckert
“Weniger an böse Robot­er denken, die Men­schen unter­drück­en, als an Maschi­nen, die unsere unsere Arbeit erle­ichtern und unsere Pro­duk­tiv­ität steigern” — diese Erwartung for­muliert Daniela Kluck­ert an die Enquete-Kom­mis­sion Kün­stliche Intel­li­genz. (Foto: Daniela Klucker/Deutscher Bun­destag)

Frau Kluck­ert, die Vorstel­lun­gen über KI gehen weit auseinan­der. An welch­er Stelle set­zt die Enquete-Kom­mis­sion KI an und wie ist sie aufge­baut?

Zunächst ein­mal bildet die Enquete-Kom­mis­sion die im Bun­destag vertrete­nen Inter­essen ab. Da ste­hen auf der einen Seite Zwei­fler, die reg­u­la­torisch sich­er­stellen wollen, dass die Entwick­lung gestoppt wird und alles so bleibt, wie es ist. Auf der anderen Seite ste­hen zukun­fts­ge­wandte Akteure, die in KI eine große Chance sehen, drän­gende Fra­gen unser­er Zeit zu beant­worten. Als Frak­tion sind wir mit zwei Abge­ord­neten vertreten und haben mit Andrea Mar­tin von IBM und Dr. Aljoscha Bur­chardt vom DFKI zwei externe Experten berufen. Wir möcht­en uns so auf­stellen, dass wir die Chan­cen der KI best­möglich nutzen kön­nen. Für uns hier in Deutsch­land, aber auch für die großen The­men der Welt wie die Zurück­drän­gung des Kli­mawan­del, die Bekämp­fung des Hungers oder die Schaf­fung von Bil­dungsmöglichkeit­en für alle.

Welchen Zugang haben Sie zu den The­men Verkehr und Dig­i­tal­isierung?

Aus­ge­hend von meinem beru­flichen Hin­ter­grund, finde ich mich inhaltlich gut zurecht. Außer­dem set­ze ich mich gerne mit Mobil­ität, Zukun­ft und Tech­nik auseinan­der. Ich bin davon überzeugt, dass Tech­nolo­gie zum Leben in Deutsch­land gehört, uns zu vie­len Din­gen befähigt und einen Beitrag leis­tet, die großen Her­aus­forderun­gen unser­er Zeit – einige habe ich ger­ade ange­sprochen – zu bewälti­gen. Auch unseren Wirtschafts­stan­dort wer­den wir nur mit ein­er zukun­fts­gerichteten Mobil­ität­spoli­tik fit für die Zukun­ft machen kön­nen.

Welche Erwartun­gen stellen sich an die Arbeit der Enquete-Kom­mis­sion?

Der Bun­destag erwartet von uns Empfehlun­gen, wie Bun­destag und Bun­desregierung zukün­ftig mit KI umge­hen sollen. Als Frak­tion erwarten wir ein pos­i­tives, zukun­fts­gerichtetes Vorge­hen, das die öffentliche Aufmerk­samkeit auf das The­ma KI lenkt. Ich sehe es als Teil unser­er Arbeit, KI zu erk­lären und Äng­ste zu nehmen: wir soll­ten weniger an böse Robot­er denken, die Men­schen unter­drück­en, als an Maschi­nen, die unsere Arbeit erle­ichtern und unsere Pro­duk­tiv­ität steigern.

Hätte das nicht schon vor Jahren passieren müssen?

Ich glaube nicht, dass es zu spät ist. Aber sich­er hinken wir dem The­ma KI ein biss­chen hin­ter­her, unsere Nach­bar­län­der sind schon ein gutes Stück weit­er. Auch deshalb ist es höch­ste Zeit für eine Auseinan­der­set­zung auf bre­it­er Basis.

Die Europäis­che Union berief kür­zlich eine 52-köp­fige Experten­gruppe ein, die die Entwick­lung ein­er KI-Strate­gie voran­brin­gen soll. Warum erfol­gt die Auseinan­der­set­zung auf zwei Ebe­nen?

Wir müssen diese Debat­te erst ein­mal in Deutsch­land führen, um her­auszufind­en, was wir konkret wollen. Haben wir uns eine eigene Mei­n­ung gebildet, kön­nen wir sie nach Brüs­sel tra­gen und dort ein­fließen lassen. Über­sprin­gen wir diesen Schritt im eige­nen Land, passiert das, was wir z.B. bei der Daten­schutz­grund­verord­nung (DSGVO) gese­hen haben: wir erhal­ten eine Reg­ulierung, von der nie­mand weiß, was sie eigentlich bedeutet.

Die Enquete-Kom­mis­sion Inter­net und dig­i­tale Gesellschaft füllte 2.000 Seit­en Papi­er, doch umge­set­zt wurde von ihren Vorschlä­gen wenig. Wie haben Sie sich aufgestellt, um einen Fehlschlag zu ver­mei­den?

Ich hoffe schon, dass am Ende gute Hand­lungsempfehlun­gen ste­hen, die auch Geset­zeskraft erlan­gen. Doch die Gefahr des Scheit­erns beste­ht, das ist uns allen bewusst. Deshalb haben wir auch sehr konkrete Vorschläge zur Organ­i­sa­tion der Arbeits­grup­pen gemacht, um Real­ität­snähe zu bewahren und einem Zer­fasern vorzubeu­gen. Ethik sollte z.B. nicht abstrakt besprochen wer­den, son­dern immer konkret am jew­eili­gen The­ma – etwa Ethik und KI in der Mobil­ität.

In welche Rich­tung kön­nten die Hand­lungsempfehlun­gen gehen?

Statt Regelun­gen einzuführen, die KI so stark beschränken, dass Unternehmen sie kaum noch sin­nvoll ein­set­zen kön­nen, sehen wir den Fokus z.B. eher bei der Frage: Welche Chan­cen bietet KI Arbeit­nehmern?

Sie haben die The­men Gesund­heit, Ethik, Hunger, Kli­mawan­del ange­sprochen. Die berufe­nen Experten sind haupt­säch­lich Math­e­matik­er, Infor­matik­er oder Wis­senschaftler. Müssen Unternehmen – nicht zulet­zt aus dem Maschi­nen- und Anla­gen­bau – befürcht­en, von der Enquete-Kom­mis­sion vergessen zu wer­den?

Als Vor­sitzende der Arbeits­gruppe Mobil­ität und Umwelt kann ich sagen, dass wir sie nicht vergessen wer­den. Wir wer­den Wege find­en, die Exper­tise ger­ade deutsch­er Unternehmen ein­fließen zu lassen.

Welche Möglichkeit­en beste­hen z.B. für Werkzeug­maschi­nen­her­steller, ihr Know-how einzubrin­gen?

In der Enquete-Kom­mis­sion gibt es Arbeits­grup­pen wie Mobil­ität und Umwelt, in die wir Experten zu Anhörun­gen ein­laden kön­nen. Anson­sten beste­ht natür­lich immer die Möglichkeit, auf die Abge­ord­neten zuzuge­hen und direkt ins Gespräch zu kom­men. Da ist über die berufe­nen Experten hin­aus sehr viel möglich und auch erwün­scht.

Wie sollte das Vorge­hen ide­al­er­weise ausse­hen?

Sin­nvoll ist es, direkt auf Mit­glieder der Enquete-Kom­mis­sion zuzuge­hen und sich schon vorher zu über­legen, welche Wün­sche und Erwartun­gen beste­hen. Ich gehe z.B. davon aus, dass die Inter­essen Ihrer Mit­glieder beim VDW bei KI sehr ähn­lich gelagert sind – da bietet Ihr Ver­band eine gute Plat­tform, mehrere Unternehmen an einen Tisch zu bekom­men und gemein­same Posi­tio­nen in einem Stand­punk­t­pa­pi­er zusam­men­zuführen. Es wäre jeden­falls klug, in ein­er kon­so­li­dierten Form an die Poli­tik her­anzutreten.

Sie haben die DSGVO ange­sprochen, die mit­tel­ständis­che Betriebe 2018 vor enorme Prob­leme stellte. Dro­ht ein solch­es Szenario auch in der KI, deren Funk­tion­ieren eng mit dem Erheben und Ver­ar­beit­en von Dat­en zusam­men­hängt?

Das kann dro­hen, ja. Und ger­ade deshalb ist es auch so wichtig, frühzeit­ig gegen­zus­teuern und nicht leise aufzutreten, son­dern laut zu sein. Klar ist, dass wir den tra­di­tionell gewach­se­nen Daten­schutz in Europa nicht aushe­beln wer­den. Zwei Ansätze halte ich daher für wichtig: erstens die Not zur Tugend machen und das Prinzip der Datensparsamkeit als Anreiz ver­ste­hen, neue Ver­fahren zu entwick­eln, die weniger Dat­en benöti­gen. Das erwarte ich von der Indus­trie. Zweit­ens eine Debat­te über Dat­en führen und klare Abgren­zun­gen schaf­fen, was genau z.B. per­son­al­isierte Dat­en kennze­ich­net und ab wann sie aus­re­ichend abstrakt sind, um für die Gemein­schaft nutzbar zu sein. Das ist meine Erwartung an die Bun­desregierung und die Koali­tion­spart­ner, da ist in den ver­gan­genen Jahren viel zu wenig passiert.

Wie kön­nen wir sich­er­stellen, dass es für neue KI-Anwen­dun­gen aus­re­ichend Fachkräfte geben wird?

Zunächst ste­hen Unternehmen in der Pflicht, ihre Mitar­beit­er zu qual­i­fizieren und pro­duk­tiv­er zu machen. Das liegt ohne­hin im Inter­esse jedes Unternehmens. Daneben gibt es aber Auf­gaben, die staatlich zu bewälti­gen sind. Wir dür­fen jun­gen Men­schen nicht länger die Illu­sion lassen, dass Arbeit in zehn Jahren noch genau­so ausse­hen wird, wie sie sich das heute vorstellen. Arbeit steckt in einem steti­gen Wan­del, der immer wieder neue Qual­i­fika­tio­nen erfordert. Diesen Wan­del müssen wir stärk­er unter­stützen, z.B. mit einem BaföG, das nicht mehr nach der ersten Aus­bil­dung endet, son­dern auch für Bürg­er im mit­tleren Leben­salter offen­ste­ht.

Ohne Dig­i­tal­isierung wird der Ein­satz von KI schwierig wer­den, doch weist Deutsch­land ger­ade in der Fläche Nach­holbe­darf auf. Welche Hausauf­gaben sind noch zu erledi­gen, damit KI in Deutsch­land auch wirk­lich eine Chance hat?

Da gibt es noch viele offene Baustellen. Erstens müssen wir den Aus­bau bei Mobil­funk und Bre­it­band voran­brin­gen und bei­de Aspek­te stärk­er zusam­men denken. Zweit­ens müssen wir uns Gedanken über gün­stige Ver­legetech­niken machen und soll­ten Unternehmen schneller aus­bauen kön­nen, wenn sie einen aktiv­en Bedarf haben. Drit­tens müssen wir die gesamte Förderkulisse über­ar­beit­en und dür­fen nicht die Augen davor ver­schließen, wie viel Geld wir aus­geben, ohne dass sich an der Sit­u­a­tion etwas ändert. Da soll­ten wir auch einen Blick auf die Ver­gaberichtlin­ien der anste­hen­den Fre­quen­zver­steigerun­gen wer­fen. Es muss erlaubt sein, auch außer der Rei­he zu denken: Warum geben wir die Fre­quen­zen nicht kosten­frei an die Unternehmen ab und ver­lan­gen dafür einen flächen­deck­enden Aus­bau der Infra­struk­tur in kürzester Zeit? Die Betreiber soll­ten Kap­i­tal für den Aus­bau dieser so notwendi­gen Infra­struk­tur ein­set­zen, statt es zuerst dem Staat zu geben – diese rechte Tasche, linke Tasche Poli­tik führt zu nichts.

Wie passt das zur Aus­sage der Bun­des­forschungsmin­is­terin Anja Kar­liczek, 5G sei „nicht an jed­er Milchkanne notwendig“?

Diese Aus­sage war völ­lig ver­rückt. Selb­stver­ständlich brauchen wir 5G an jed­er Milchkanne, wenn wir die ländlichen Räume nicht aufgeben wollen. Unser Anspruch als Tech­nolo­gi­e­s­tandort muss es doch sein, bei dieser Tech­nik ganz vorne dabei zu sein. Auch weil von der Land­wirtschaft über die über das autonome Fahren bis hin zur Telemedi­zin zunehmend viele Bere­iche eine dig­i­tale Anbindung erfordern.

Inter­view: Ste­fan Schwa­neck, VDW

 

Hin­ter­grund

Im Herb­st 2018 hat der Deutsche Bun­destag die Enquete-Kom­mis­sion Kün­stliche Intel­li­genz (KI) einge­set­zt. Sie beste­ht zu gle­ichen Teilen aus Abge­ord­neten der im Bun­destag vertrete­nen Frak­tio­nen sowie aus Experten, die von den Frak­tio­nen berufen wur­den. Die Kom­mis­sion hat den Auf­trag, den zukün­fti­gen Ein­fluss der KI auf das gesellschaftliche Zusam­men­leben, die deutsche Wirtschaft und die zukün­ftige Arbeitswelt zu unter­suchen.

Daniela Kluck­ert war bis 2017 Min­is­te­ri­al­ref­er­entin bei der Säch­sis­chen Lan­desvertre­tung in Berlin und dort zuständig für Verkehr und dig­i­tale Agen­da. Kluck­ert wurde als Vertreterin der FDP-Bun­destags­frak­tion in die Enquete-Kom­mis­sion KI entsendet, ist zudem stel­lvertre­tende Vor­sitzende des Verkehrsauss­chuss­es und Vor­sitzende der Arbeits­gruppe KI in Mobil­ität & Umwelt.

 

 

Kategorien: 2019, März